KOMAGIRL: Eine tägliche Serie

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Man erfährt so einiges, wenn die Leute glauben, dass man nicht zuhört …

Vorwort

Seit ich mich erinnern kann, leide ich unter Schlaflosigkeit. Ich war schon immer eine Nachteule und ein Morgenmensch, komme aus mit fünf, vielleicht sechs Stunden zusammengewürfeltem Schlaf zwischen Anfällen von Rastlosigkeit. Im Nachhinein ist mir klar geworden, dass ich es mein ganzes Leben lang irgendwie gehasst habe, schlafen zu müssen. Ich schätze, auf irgendeiner unbewussten Ebene hatte ich wohl Angst, dass ich etwas Wichtiges oder Aufregendes oder Unwiederbringliches verpassen könnte. Was meine derzeitige Zwickmühle umso ironischer macht.

Ich befinde mich in einem tiefen vegetativen Zustand … besser bekannt als Koma.

Andere Leute bezeichnen meine Situation als „traurig“, „herzzerreißend“, … sogar „tragisch“. Ich finde all die Aufmerksamkeit eher seltsam, wenn ich darüber nachdenke, dass ich, bevor ich in Bett 3 der Langzeitpflegestation des Brady Hospitals in Atlanta, Georgia, gelandet bin, das Mädchen war, dem niemand viel Beachtung geschenkt hat. Ich war das mittlere Kind – mittelhübsch, mittelschlau, mittelerfolgreich mit einer mittelmäßigen Persönlichkeit in einem mittelmäßigen Job bei einer mittelmäßigen Firma. Mein Name ist Marigold Kemp, aber dieser Tage werde ich meistens Komagirl genannt. Offenbar habe ich sowas wie eine Fangemeinde. Ich bin ein Trend in den sozialen Medien. Ich habe meinen eigenen Hashtag.

Da es so aussieht, dass ich eine Weile hierbleiben werde, dachte ich, ich könnte auch gleich anfangen, meine Geschichte zu erzählen; es hat ein paar Drehungen und Wendungen gegeben, was die Art und Weise betrifft, wie ich hier hergekommen bin, und es kommen zweifellos noch ein paar. Die Liste der Vorteile davon, im Koma zu liegen, ist ziemlich verdammt kurz, aber wenn ich sagen müsste, was das Beste daran ist, dann, dass man viel erfahren kann, wenn die Leute glauben, dass man nicht zuhört. Ich bin als Horcherin nicht zu übertreffen, und Kumpel, sollte ich je aufwachen, dann werde ich in einem Buch so richtig auspacken.

In der Zwischenzeit erzähle ich es schon mal dir.


Die tägliche Serie Komagirl läuft vom 1. Juli bis 31.Dezember.  Die täglichen Episoden nur für 24 Stunden verfügbar also Merker setzen auf Deinem Handy, Computer oder Memo-board um täglich kostenlos bei Komagirl auf dem Laufenden zu bleiben.


Sonntag, 20. August

„Grr, das Büro vom Staatsanwalt verlangt von uns, dass wir zu Keith Youngs Laborergebnissen nicht Stellung beziehen.“

Sidney ist heute überdreht – sie redet so schnell, dass ich sie fast nicht verstehen kann, aber es ist mir beinah egal, was Sid da gerade sagt – ich bin ekstatisch, weil sie mir wieder meine Nägel macht. Was bedeutet, die Pfleger werden es wieder abmachen, und ich bekomme wieder Gelegenheit, das Gefühl von Berührung zu spüren.

„David ist genervt, aber sagt, es ist erstmal besser, sich zu fügen. Die gute Nachricht ist, der von mir gepostete Beitrag darüber, dass du nicht telefoniert hast, als der Unfall passierte, hat zweihunderttausend Likes.“

Also, wenn es alle anderen glauben, sollte ich das wahrscheinlich auch.

Dann machte sie ein Geräusch der Frustration. „Aber wie kann diese Audrey-Tante es wagen, zuerst aufzuwachen und dir die Schau zu stehlen?“

Ganz meine Meinung. Obwohl ich die Schwestern sagen gehört habe, dass Audrey durch die Reha und die Sprachtherapie gute Fortschritte macht, und ich freue mich für sie.

„Wir haben allerdings auch ein wenig Nutzen daraus gezogen, indem wir gesagt haben, dass deine Präsenz neuen Wind auf die Station gebracht hat, mit all den Blumen und dem Zeug, was Leute schicken. Das hat es uns ermöglicht, deinen Fans zu danken und sicherzustellen, dass weiterhin Sträuße kommen, wodurch wir mehr Fotos haben, die wir auf Instagram stellen können.“

Das erklärte, warum auf einmal so viele Blumen geliefert wurden.

„Ich hab mit Mom und Dad geredet und ich hab entschieden, ein Urlaubssemester einzulegen.“

Ach, nein – ich will nicht, dass Sid wegen mir ihre Ausbildung aufschiebt.

„David wird bei dem Ganzen meine Hilfe brauchen und ich fühle mich einfach nicht wohl dabei, es an jemand anderen abzugeben.“

Aha, also David ist der Grund.

„Ein Semester ist keine große Sache. Hoffentlich wachst du bald auf und alles wird wieder normal.“

Ein Handy klingelte und Sid ging dran. „Hallo.“

Sie erhob sich vom Stuhl und ging hinüber zum Fenster.

„Ja, ich habe gute Nachrichten. Das Projekt ist fertig, ich muss nur noch einen Weg finden, es zu dir zu kriegen.“

Ich war froh zu hören, dass Sid ihr Uniprojekt erledigt hatte, während sie sich um die Komagirl-Medien gekümmert hatte.

„Ich melde mich wieder bei dir, wenn ich das gelöst habe“, sagte sie und beendete das Gespräch.

Als sie zum Stuhl zurückkam, war sie am Summen, also nehme ich an, dass das Projekt sie belastet hatte.

„Diesmal mache ich Gelb auf deine Fingernägel und Blau auf deine Zehennägel“, sang sie.

Die Tür öffnete sich und ich roch Robertas zuckersüße Anwesenheit.

„Wer sind Sie?“, fragte Sidney.

„Ich bin Roberta, Marigolds Mitbewohnerin. Wer sind Sie?“

„Ich bin Sidney, Marigolds Schwester.“

Ich spüre, wie sie einander von Kopf bis Fuß mustern und entscheiden, dass sie sich nicht mögen.

„Ich bringe ihre Post“, sagte Roberta.

„Ach, Sie können sie einfach hierlassen und ich gehe sie später durch.“

„Nein, eigentlich lese ich sie ihr gerne selbst vor, also komme ich wann anders wieder.“

„Nein, eigentlich war das keine Frage“, sagte Sidney, und ich stellte mir vor, dass sie lächelte.

Ich höre Robertas Schritte, dann das Geräusch, wie etwas auf den Boden fallengelassen wird – eine Tasche voll Post, vermute ich.

„Danke sehr“, sagte Sidney. „Warum tragen Sie die Handtasche meiner Schwester?“

„Tue ich nicht.“

„Doch, tun Sie. Das ist eine Chloé-Tasche. Ich weiß das, denn ich habe sie ihr gekauft.“

Das stimmt – Sid hatte gesagt, sie wäre es leid, mich einen Rucksack herumtragen zu sehen und zu Weihnachten hatte sie mir die Tasche geschenkt. Sie war sehr schön, aber unpraktisch für all den Mist, den ich mit mir herumtragen musste. Dennoch mochte ich es, meinen Kleiderschrank zu öffnen und sie dort hängen zu sehen.

„Sie hat sie mir geschenkt“, sagte Roberta. „Ich schätze, sie hat ihr nicht gefallen.“

Nicht wahr. Roberta hat sich an meinem Kleiderschrank bedient.

„Wie, haben Sie gesagt, ist Ihr Name?“, fragte Sidney.

„Roberta. Ich habe mich mit Marigold am Telefon unterhalten, als der Unfall passierte.“

„Nein, sie hatte schon aufgelegt, als der Unfall passierte.“

„Das glaube ich nicht.“

„Aber ich weiß es“, sagte Sid entschieden. „Danke für den Besuch.“

„Nicht der Rede wert“, sagte Roberta mit drohender Stimme.

Die Tür öffnete und schloss sich.

Und Sidney begann wieder zu summen.  ~

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